Welches Kind sehen wir eigentlich?
Ein ganzer Schultag im Zeichen einer Frage, die alles verändert – Bericht aus einer Gesamtschule in NRW.
Es ist 8:15 Uhr, als das Kollegium der Gesamtschule im großen Lehrerzimmer zusammenkommt. Kein normaler Schultag. Kein Unterricht. Stattdessen: Ein pädagogischer Tag – und eine Frage, die ich absichtlich offen lasse: Welches Kind sehen wir eigentlich?
40 Lehrerinnen und Lehrer, eine Schulleiterin, die sichtlich gespannt wirkt, und ich – Moderator für diesen Prozess. Auf dem Tisch: Post-its, Stifte, und die Hoffnung, dass dieser Tag mehr wird als eine weitere Pflichtveranstaltung.
Die erste Runde: Ehrlichkeit ist anstrengend
„Schreiben Sie das Kind auf, das Ihnen als erstes in den Sinn kommt, wenn Sie an Ihre schwierigste Klasse denken.“ Die Stille, die darauf folgt, ist aufschlussreich. Manche schreiben sofort. Andere zögern.
Was entsteht: eine Wand voller Namen und Beschreibungen. „Immer unkonzentriert.“ „Stört den Unterricht.“ „Zu Hause schwierige Verhältnisse.“ Die Beschreibungen sind ehrlich – und sie zeichnen ein Bild, das uns zu denken gibt. Wir sehen Symptome. Aber sehen wir das Kind?
Systemisch schauen: Der Wechsel der Perspektive
Nach der Mittagspause verändert sich die Energie im Raum. Wir arbeiten jetzt in kleinen Gruppen. Jede Gruppe nimmt sich ein „schwieriges Kind“ vor – und rekonstruiert gemeinsam, was dieses Kind in seiner Schulwoche erlebt.
Die Ergebnisse sind ernüchternd – aber auch befreiend. Ein Schüler aus der 8b hat in einer Woche 23 verschiedene Erwachsene, von denen ihn 19 fast ausschließlich durch Konflikte wahrnehmen. Sein Schultag ist eine Abfolge von Situationen, in denen sein Name meistens im Zusammenhang mit Problemen fällt.
Was dieser Tag verändert hat
Am Nachmittag erarbeiten wir gemeinsam drei konkrete Veränderungen: Ein Begrüßungsritual jeden Montag. Ein anonymes Stärken-Karussell in der Klasse. Und eine erweiterte SuS-Mappe mit einem „Was ich gut kann“-Blatt, das von den Schüler:innen selbst befüllt wird.
Was bleibt
Drei Monate später: Die drei Veränderungen laufen. Nicht perfekt, aber sie laufen. Der Schüler aus der 8b hat zum ersten Mal seit zwei Jahren keinen einzigen Schulverweis bekommen. Einen Tag. Eine Frage. Ein System, das beginnt, sich selbst zu hinterfragen.
Falk Linnepe ist Sonderpädagoge, Inklusionsberater und Moderator für Schulentwicklung in NRW.