Von Peter 1.0 zu Peter 2.0
Wie ein pädagogischer Tag Haltung verändert – ein strukturierter Blick auf Methodik, Wirkung und Nachhaltigkeit eines ganztägigen Inklusions-Workshops mit einem Grundschulkollegium.
Eckdaten
- Schule: Grundschule, Bergisches Land (NRW)
- Kollegium: 18 Lehrkräfte + Schulsozialarbeiterin
- Format: 1 pädagogischer Tag (8:30 – 16:00 Uhr)
- Fokus: Inklusion, Haltungsentwicklung, systemisches Denken
- Begleitung: Falk Linnepe, Inklusionsberater & Moderator
Die Ausgangssituation
Die Schulleiterin nimmt Kontakt auf, weil das Kollegium zunehmend überfordert wirkt. Nicht fachlich – sondern haltungsbezogen. Ein Schüler in der 3b, nennen wir ihn Peter, polarisiert das Team. Die einen wollen ihn in eine Förderschule überweisen, die anderen sehen Potenzial, haben aber keine Zeit und keine gemeinsame Strategie.
Peter ist kein Einzelfall. Er steht stellvertretend für mindestens vier weitere Kinder, bei denen das Kollegium ähnlich gespalten ist. Das eigentliche Problem: Es gibt keine gemeinsame Sprache für das, was Inklusion an dieser Schule bedeuten soll.
Peter 1.0: Das deficit-orientierte Bild
Am Morgen des pädagogischen Tages starte ich mit einem Experiment: Ich bitte das Kollegium, Peter in drei Worten zu beschreiben. Die Ergebnisse werden anonym gesammelt und an einer Pinnwand befestigt.
Die häufigsten Begriffe: „unruhig“, „fordernd“, „nicht beschulbar“, „aggressiv“, „herausfordernd“, „überfordert“. Zwei Lehrkräfte schreiben „neugierig“ und „kreativ“ – sie werden im nächsten Schritt wichtig.
Die Wende: Systemische Perspektive einnehmen
Nach der Mittagspause arbeiten wir in gemischten Kleingruppen. Jede Gruppe erhält den gleichen Auftrag: Rekonstruiert Peters Schulwoche aus seiner Perspektive. Wann kommt er an? Wen trifft er? Wann wird er gelobt? Wann wird sein Name im Zusammenhang mit Problemen genannt?
Das Ergebnis ist erschütternd und erhellend zugleich: Von den 38 Interaktionen, die Peter in einer durchschnittlichen Schulwoche mit Erwachsenen hat, sind 29 konfliktbezogen. Sein Name wird durchschnittlich 12 Mal täglich im Kontext von Problemen verwendet. Positives Feedback: durchschnittlich 1,4 Mal pro Tag.
Peter 2.0: Das stärkenorientierte Bild entwickeln
In der zweiten Hälfte des Nachmittags erarbeitet das Kollegium gemeinsam ein neues Bild von Peter – nicht als Wunschdenken, sondern auf Basis konkreter Beobachtungen. Was kann Peter, das andere nicht können? Wann ist er fokussiert? Was motiviert ihn?
Die zwei Lehrkräfte, die morgens „neugierig“ und „kreativ“ geschrieben hatten, werden jetzt zu Expertinnen: Sie berichten von Peters Leidenschaft für Technik und davon, wie er in der Freiarbeit stundenlang an selbstgewählten Projekten arbeitet. Das Kollegium hört – viele zum ersten Mal.
Drei konkrete Maßnahmen – entwickelt im Team
Statt Empfehlungen von außen entwickelt das Kollegium in den letzten 90 Minuten selbst drei Maßnahmen, die sie als Team umsetzen wollen:
- Stärken-Protokoll: Jede Lehrkraft notiert einmal pro Woche eine beobachtete Stärke von Peter (und zwei weiteren Kindern)
- Ressourcen-Runde: 10 Minuten jede zweite Woche in der Klassenkonferenz sind ausschließlich positiven Beobachtungen gewidmet
- Technik-Projekt: Peter bekommt einen regelmäßigen Slot für ein selbstgewähltes Technikprojekt mit Präsentation für die Klasse
6 Monate später: Was geblieben ist
Ein Nachfolgegespräch mit der Schulleiterin zeigt: Alle drei Maßnahmen laufen noch. Peter hat seinen ersten Auftritt als „Technik-Experte“ vor der Klasse gehabt. Die Stimmung im Team ist messbar besser geworden – und die Zahl der Konflikte mit Peter hat sich nach Einschätzung der Klassenlehrerin mehr als halbiert.
Kein Wunder. Denn was sich verändert hat, ist nicht Peter – sondern wie das Kollegium Peter sieht. Und wie Peter sich selbst beginnt zu sehen.
Falk Linnepe ist Sonderpädagoge, Inklusionsberater und Moderator für Schulentwicklung in NRW. Er begleitet Grundschulen und weiterführende Schulen bei der Entwicklung inklusiver Kulturen, Strukturen und Praktiken.